von Greta Jöhnk
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11. Februar 2026
Alte Höfe erzählen Geschichten. Sie prägen seit Generationen das Bild der Dörfer und stehen für landwirtschaftliche Tradition, handwerkliches Können und regionale Identität. Viele dieser Gebäude, errichtet vor 1945, sind bis heute ein wichtiger Bestandteil der dörflichen Bausubstanz. Gleichzeitig stehen sie vor großen Herausforderungen: Leerstand, hoher Sanierungsbedarf und fehlende Nutzungsperspektiven gefährden ihren Erhalt. Genau hier setzt das Projekt „Steinburgs Höfe – Neues Leben auf alten Höfen“ an. Ziel ist es, historische landwirtschaftliche Gebäude nicht nur zu bewahren, sondern sie durch neue Nutzungen dauerhaft zu sichern. Die Idee entstand im Rahmen des Bundesforschungsprojekts Regiobranding und entwickelte sich zu einem umfassenden Ansatz, der Beratung, fachliche Begleitung, Förderinstrumente und Vernetzung miteinander verbindet. Erhalt durch Nutzung als Leitgedanke Im Mittelpunkt des Projekts steht der Grundsatz „Erhalt durch Nutzung“. Historische Gebäude sollen nicht konserviert werden, sondern durch zeitgemäße und tragfähige Nutzungskonzepte eine neue Zukunft erhalten. Zielgruppe sind landwirtschaftliche Gebäude im Kreis Steinburg, die vor 1945 errichtet wurden. Durch neue Nutzungen kann die dörfliche Bausubstanz erhalten und gleichzeitig das Ortsbild langfristig gestärkt werden. Fachliche Perspektive aus der Praxis: Architektin Christine Scheer Eine der Architekt:innen, die das Projekt von Beginn an begleitet haben, ist Christine Scheer. Sie stammt aus Glückstadt, studierte Architektur in Hamburg und entdeckte in den 1980er Jahren ihre Leidenschaft für alte Bauernhäusern, wurde Mitglied in der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. und widmete sich besonders der Bauernhausforschung in den Elbmarschen. Die Arbeit mit historischer Bausubstanz prägt seither ihren beruflichen Weg. Was sie am Projekt „Steinburgs Höfe“ besonders fasziniert, ist nicht allein der Erhalt der Gebäude selbst. Es ist vielmehr die Auseinandersetzung mit der Geschichte, die Liebe zu alten Dingen und das genaue Hinsehen. Alte Gebäude, so beschreibt sie es, eröffnen immer neue Perspektiven. Wer sich intensiv mit ihnen beschäftigt, entwickelt ein tieferes Verständnis für ihre Entstehung und Nutzung. Dabei sei eines sicher: „Man entdeckt fast immer etwas, womit man nicht gerechnet hat. Genau diese Offenheit und das Unerwartete machen für mich den Reiz dieser Arbeit aus.“, so Scheer. Der Kontakt zum Projekt entstand, als der Kreis Steinburg auf die Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. (IGB) zukam. Über diese wurden Architektinnen und Architekten angesprochen, die Erfahrung mit historischer Bausubstanz mitbringen. Das Interesse war groß, viele Fachleute entschieden sich, Teil des Projekts zu werden und aktiv mitzuwirken. Mit dem Projekt verband Christine Scheer die Hoffnung, Wege zu finden, mehr historische Gebäude dauerhaft zu erhalten. Ihr Wunsch war es, Eigentümerinnen und Eigentümern neue Perspektiven zu eröffnen – sei es durch umfassende behutsame Konzepte für Verbesserungen oder Umnutzungen oder auch nur eine ehrliche, fachlich fundierte bautechnische Beratung zum reinen Erhalt. In dieser Kombination aus Beratung und Förderung sieht sie einen wichtigen Schritt, um mit der Bausubstanz auch die bäuerliche Hauslandschaft nachhaltig zu sichern. Rückblickend beschreibt sie ihre Beteiligung als durchweg positive Erfahrung. Die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten war von Offenheit und Engagement geprägt, viele Menschen konnten erreicht werden. Auch wenn nicht jede Beratung zu einem Förderantrag oder einer konkreten Umsetzung führte, sieht sie in den gesammelten Erfahrungen einen großen Wert. Jede Beratung eröffnete neue Perspektiven und trug dazu bei, das Thema Erhalt historischer Gebäude weiter voranzubringen. Der Startschuss: LEADER-Förderprojekt 2018–2021 Der offizielle Projektstart erfolgte im Jahr 2018 mit einem LEADER-Förderprojekt der AktivRegion Steinburg und der AktivRegion Holsteiner Auenland. Antragsteller war der Kreis Steinburg, die Fördersumme betrug 100.000 Euro. Das Projekt setzte sich aus mehreren aufeinander abgestimmten Bausteinen zusammen: • Erstberatung: Mit einem Gegenwert von 250 Euro war diese für Eigentümer kostenfrei. Sie diente der ersten Einschätzung von Zustand, Potenzial und Nutzungsmöglichkeiten der Gebäude. • Konzepterstellung: Im Wert von 2.500 Euro, bei einem Eigenanteil von nur 10 Prozent, wurden individuelle Nutzungskonzepte erarbeitet. • Fachliche Begleitung: Eine Gruppe von Architektinnen und Architekten mit besonderer Erfahrung im Umgang mit historischer Bausubstanz unterstützte die Eigentümer. • Regelmäßiger fachlicher Austausch: Architekten, Denkmalpflege, Kreisbauaufsicht und Kreisentwicklung berieten gemeinsam zu einzelnen Objekten. • Projektmanagement: Die Koordination übernahm RegionNord, die für Struktur, Organisation und Austausch sorgte. Diese Kombination ermöglichte eine ganzheitliche Betrachtung der Gebäude, von der ersten Idee bis zur konkreten Umsetzungsplanung. Weiterentwicklung: Steinburgs Höfe 2022–2025 Nach dem erfolgreichen Abschluss des LEADER-Projekts wurde das Projekt unter dem Namen „Steinburgs Höfe“ fortgeführt. In der Phase von 2022 bis 2025 lag der Fokus auf der Weiterentwicklung der Beratungsangebote sowie auf der Möglichkeit, Investitionen gezielt zu fördern. Die Erstberatung und Konzepterstellung wurden in dieser Projektphase aus Kreismitteln finanziert. Die Erstberatung im Gegenwert von 250 Euro war für Eigentümer weiterhin kostenfrei, bei der Konzepterstellung im Wert von 2.500 Euro lag diesmal der Eigenanteil der Eigentümer bei 50 %. Ergänzend dazu wurde eine Investitionsförderung aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes ermöglicht. Diese erfolgt unter Einbindung des Schleswig-Holsteinischen Landwirtschaftsministeriums und des Landesamtes für Landwirtschaft und nachhaltige Landentwicklung (LLnL). Zwischen 2018 und 2025 konnten auf diese Weise 133 Erstberatungen durchgeführt und 84 Konzepte erstellt werden. Darüber hinaus erhielten vielfältige Maßnahmen die Möglichkeit, eine finanzielle Unterstützung über die GAK zu erhalten. Zwischen Struktur und Gestaltung: Projektleitung Eva Groher Als Projektleitung begleitete Eva Groher das Projekt „Steinburgs Höfe“ organisatorisch und inhaltlich. Besonders reizvoll war für sie die Arbeit mit bestehenden, ortsbildprägenden Gebäuden und deren Geschichte. Aus diesen festen Strukturen gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln, verstand sie als zentralen Ansatz des Projekts. Ihr Interesse an der historischen Bauweise der Höfe Architektur und an kreativen Gestaltungsmöglichkeiten verband sich früh mit dem Ziel, Wohnen im ländlichen Raum angenehm zu gestalten und Orte zu schaffen, die sich als Zuhause anfühlen. Prägend war dabei der enge Dialog mit den Beteiligten. Der Austausch mit Eigentümerinnen und Eigentümern sowie das entstandene Netzwerk empfand sie als besonders inspirierend. „Gerade die Offenheit im Prozess und der Austausch mit ganz unterschiedlichen Menschen haben dieses Projekt für mich besonders gemacht. Zu erleben, wie aus Gesprächen und gemeinsamen Überlegungen konkrete Perspektiven entstehen, war sehr bereichernd.“, berichtet Frau Groher begeistert. Netzwerk und fachlicher Austausch als Erfolgsfaktor Im Laufe der Jahre entstand ein umfangreiches Netzwerk aus Fachleuten aus Architektur, Verwaltung, Denkmalpflege und Bauwesen sowie aus engagierten Eigentümerinnen und Eigentümern. Der regelmäßige fachliche Austausch erwies sich als zentraler Erfolgsfaktor des Projekts. Die enge Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten ermöglichte abgestimmte Lösungen, die sowohl den Anforderungen des Denkmalschutzes als auch den praktischen Bedürfnissen der Eigentümer gerecht wurden. Der Projekterfolg war maßgeblich von diesem Austausch und der gemeinsamen Arbeit geprägt. Konzepte entwickeln im Dialog: Architektin Frau Rudolph und Architekt Herr Weeren Die Bedeutung des fachlichen Austauschs im Projekt „Steinburgs Höfe“ wird auch von Frau Rudolph und Herr Weeren positiv bewertet, die in der zweiten Beratungsrunde mit Erstberatungen und Konzepterstellungen beteiligt waren. Sie beschreiben die Zusammenarbeit mit den Eigentümerinnen, sowie den Austausch mit den Ämtern und Kolleginnen als vertrauensvoll und wohlwollend. Ziel war es, gemeinsam mit den Eigentümerinnen und Eigentümern Wünsche zu erkunden, Vorstellungen zu entwickeln und Ideen schrittweise zu konkretisieren. Flexibilität spielte dabei eine zentrale Rolle, denn die Arbeit mit historischer Bausubstanz bringt stets neue Herausforderungen mit sich. Große Höfe bieten viele Flächen und Nutzungsmöglichkeiten, stellen aber zugleich hohe Anforderungen. Es galt, sinnvolle und umsetzbare Nutzungen zu entwickeln und dabei die Seele der Gebäude zu bewahren. „Unsere Vision ist es, Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen, zu beraten und Mut zu machen, die Herausforderungen der Projekte weiter zu verfolgen und die in den Gebäuden enthaltenen Werte herauszuarbeiten und zu erhalten. Die Gebäude verfügen jeweils über einen speziellen kulturellen Ausdruck und Geschichte, an die es sich meistens lohnt anzuknüpfen. Die Anpassung und Umnutzung von Bestandsgebäuden ist eigentlich auch heute eine erstrebenswerte, lang praktizierte Bautradition. Besonders wertvoll waren dabei das Netzwerk und das Beratungsgremium mit Akteuren unterschiedlicher Fachrichtungen und Perspektiven. Dieser Austausch war einzigartig.“, so die Architekten Frau Rudolph & Herr Weeren.“ Einen leerstehenden Hof wieder bewohnen: Die Familie Lubenow in Kollmar Der Hof der Familie Lubenow in Kollmar war nicht nur Teil des Projekts „Steinburgs Höfe“, sondern auch Ort der Abschlussveranstaltung. Die Familie aus Kollmar erwarb den über Jahre leerstehenden Hof kürzlich, um ihn denkmalgerecht instand zu setzen und wieder einer Nutzung zuzuführen. Der alte Hof bot genau das, was die Familie suchte: ein Zuhause mit Geschichte und Perspektive in besonderer Lage direkt am Deich. Alte Höfe und historische Baukultur hatten die Familie schon lange fasziniert. Vom Projekt „Steinburgs Höfe“ erfuhr die Familie über Freunde und Nachbarn, die selbst Hofbesitzer sind. Die Teilnahme an der Erstberatung erwies sich als sehr hilfreich – vor allem durch den Austausch mit anderen Eigentümerinnen und Eigentümern und das entstehende Netzwerk. Diese Kontakte wurden als mindestens ebenso wertvoll empfunden wie der Zuschuss zu einer ersten Konzepterstellung. Zum Zeitpunkt der Beratung befand sich die Familie noch in einer frühen Findungsphase. Die Offenheit für unterschiedliche Ideen, die breite architektonische Beratung und der dynamische Prozess ermöglichten es, Nutzung und Erhalt gemeinsam zu denken. Dabei ist der Anspruch klar: Der Hof soll in seinem Charakter bewahrt werden, seine Geschichte und Authentizität stehen im Mittelpunkt. „Wir haben den Hof sehr spontan erworben und dann kurzerhand beschlossen, vor einer Sanierung erstmal hierherzuziehen, um das Gebäude kennenzulernen und Ideen vor Umsetzung reifen zu lassen. Dadurch ist unsere Faszination für dieses Gebäude zum Glück vor der Sanierung derart gewachsen, dass wir anders an die Sanierung herangehen, als noch bei Kauf gedacht: Wir möchten den Hof des Hofes wegen erhalten. Er ist in seiner Bedeutung größer als wir und soll auch in 200 Jahren noch seine Geschichte erzählen.“ freut sich Herr Lubenow. Abschlussveranstaltung auf dem Hof der Familie Lubenow Ein besonderer Höhepunkt des Projekts war die Abschlussveranstaltung auf dem Hof der Familie Lubenow. Die Familie hatte selbst mit ihrem Hof am Projekt teilgenommen und stellte diesen als Veranstaltungsort zur Verfügung. Die Veranstaltung bot inspirierende Vorträge, Einblicke in den Projektverlauf sowie Diskussionen über die Zukunft ländlicher Bausubstanz. Sie zeigte eindrucksvoll, wie groß das Interesse am Thema ist und wie wichtig der Austausch zwischen Eigentümern, Fachleuten und Institutionen für den langfristigen Erhalt historischer Gebäude ist. Fazit Das Projekt „Steinburgs Höfe – Neues Leben auf alten Höfen“ zeigt, wie historische landwirtschaftliche Gebäude durch gezielte Beratung, fachliche Begleitung und passgenaue Förderinstrumente erhalten werden können. Der Ansatz, Erhalt und Nutzung miteinander zu verbinden, hat sich im Kreis Steinburg bewährt. Durch das entstandene Netzwerk, die hohe Anzahl an Beratungen und umgesetzten Konzepten sowie die ergänzende Investitionsförderung leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der dörflichen Bausubstanz. Die alten Höfe bleiben damit nicht nur sichtbare Zeugnisse der Vergangenheit, sondern werden zu lebendigen Bestandteilen der Zukunft des ländlichen Raums im Kreis Steinburg. Text und Foto: Kreis Steinburg